Lebensqualität im Fokus

Interview mit Bertrand Piccard

Mit einem Hörgerät einen Hörverlust zu kompensieren, ist für viele Betroffene mit zahlreichen Bedenken und Hemmungen verbunden. So ging es auch Bertrand Piccard, als er vor gut einem Jahr mit einer Hörgeräteversorgung konfrontiert wurde. In diesem Interview gibt der Entdecker aus Lausanne Auskunft darüber, was ihn dazu bewogen hat, sich für Hörgeräte zu entscheiden und wie er heute damit lebt.

Bertrand Piccard (©Jean Revillard / Rezo.ch)

Herr Piccard, ganz in Ihrer familiären Tradition gelten Sie als Pionier und Entdecker, der immer wieder beweist, dass das Unmögliche möglich ist. Die Bilder Ihrer Unternehmungen gehen jeweils um die Welt, wenn Sie diese mit dem Ballon oder kürzlich mit dem rein solarbetriebenen Flugzeug «Solar Impulse» umrunden, um nur zwei Beispiele zu nennen. Als Grundmotivation hierzu beschreiben Sie auf Ihrer Website , dass es Ihnen vor allem wichtig ist, neue Herangehensweisen und Denkansätze zu entdecken, insbesondere im Bereich der Lebensqualität. Können Sie dies kurz erläutern?
In unserem täglichen Leben sind wir gefangen von angelerntem Wissen, Überzeugungen und Gewohnheiten. Diese persönlichen Grenzen hindern uns daran, kreativ und innovativ zu sein und uns weiterzuentwickeln. Es ist daher sehr wichtig, sich in allen Bereichen – ob politisch, religiös, wissenschaftlich oder sozial – immer wieder selbst zu hinterfragen, um so unsere Denk- und Handlungsweisen zu erweitern.  Durch das gewonnene Wissen können wir uns in die gesuchte Richtung bewegen. Es ist vergleichbar mit einem Ballonfahrer, der die Richtung nur ändern kann, indem er einen anderen Luftstrom in einer anderen Höhe findet. Aber dafür muss er lernen, den Ballast loszulassen...

Seit einem Jahr tragen Sie Phonak Hörgeräte. War es mehr der Arzt oder eher der Entdecker in Ihnen, der Sie zu diesem Schritt motiviert hat?
Jedes Jahr mache ich eine ärztliche Untersuchung, um meine Pilotenlizenz zu behalten. Ich wusste schon lange, dass ich kein sehr gutes Gehör hatte, aber dieses Mal war das Audiogramm etwas schlechter geworden und der Arzt riet mir, einen Ohrenarzt aufzusuchen. Bei ihm habe ich etwas Interessantes gelernt: Das Gehirn neigt dazu, die Frequenzen zu vergessen, die es nicht mehr hört. Das bedeutet, dass durch ein zu langes Zuwarten mit der Korrektur des Hörverlustes diese Frequenzen auch mit einem Hörgerät nicht mehr hörbar sind. Deshalb sollte man heute schnellstens eine Hörgeräteversorgung in Betracht ziehen und nicht wie früher so lange wie möglich zuwarten.

Wie würden Sie Ihre Erfahrungen in diesem Jahr mit den Hörgeräten beschreiben? Hat sich Ihr Leben verändert? 
Wenn ich morgens meine Hörgeräte anziehe, habe ich das Gefühl, dass ich eine dreidimensionale Klangwelt mit Relief, Nuancen und Details wiederentdecke. Ausserdem tritt der Tinnitus in meinem rechten Ohr von diesem Moment an in den Hintergrund. Bei geräuschvoller Umgebung kann ich Diskussionen auch viel besser folgen. Überraschend positiv ist für mich auch die integrierte Freisprecheinrichtung. Ich kann mit meinen Hörgeräten telefonieren ohne mein Handy aus der Tasche zu nehmen. Es ist immer sehr lustig den Gesichtsausdruck der Leute zu beobachten, die denken, dass ich mit mir selber rede.

Wie hat Ihr privates und berufliches Umfeld reagiert, als Sie plötzlich Hörgeräte trugen? 
Die meisten Menschen, auch nahestehende, haben nicht bemerkt, dass ich Geräte trage (diese sind fast unsichtbar hinter meinen Ohren). Und nur sehr wenige, die es bemerken, wagen es zu kommentieren. Es sind vielmehr die Lebenspartner derjenigen, die Hörgeräte benötigen würden, die laut sagen: «Siehst du, du solltest auch welche tragen!»

Welche Rolle spielte im vergangenen Jahr Olivier Gaches, der Hörgeräteakustiker aus Lausanne, der Sie von Beginn an mit Ihren neuen Geräten begleitet hat? 
Zuerst war für mich die Tatsache, dass ich Hörgeräte brauchte, eine Katastrophe. Sowohl mein Ohrenarzt Dr. Albert Mudry als auch Olivier Gaches begegneten meinen Bedenken mit solcher Natürlichkeit, dass sie mich sofort beruhigten und mir die Hemmungen nahmen. Sie erklärten mir, warum wir präventiv reagieren und nicht länger warten sollten. Der Hörgeräteakustiker erklärte mir auch, dass meine beiden störendsten Empfindungen – der Juckreiz im Gehörgang und die Verstärkung der eigenen Stimme – in wenigen Tagen verschwinden würden. Das war in der Tat der Fall.

Als Sie mit dem Flugzeug «Solar Impulse» am 26. Juli 2016 die solarbetriebene Weltumrundung mit der Landung in Abu Dhabi vollendet hatten, trugen Sie noch keine Hörgeräte. Die Flugetappen um den Globus bedeuteten oft, länger als 2 Tage nonstop alleine in einem engen Cockpit zu sein, mit sehr wenig Schlaf und einem hohen Grad an Aufmerksamkeit. Hätten Ihnen Ihre Hörgeräte rückblickend betrachtet die Etappen etwas erleichtert? 
Nein, weil ich Kopfhörer trug, die es mir erlaubten, den Klang zu verstärken. Da die Hörgeräte durch meinen Helm an die Ohren gepresst worden wären, wäre es auch unangenehm gewesen, sie zu tragen.

Ihr aktuelles Projekt für die «Solar Impulse Foundation» will bis zu diesem Jahresende 1000 Lösungen rund um den Globus finden, welche auf profitablem Weg zum Schutz unserer Umwelt beitragen. Diese sollen dann weltweit den wichtigen Entscheidungsträgern vorgestellt werden und sie motivieren, solche Lösungen zu fördern. Einmal mehr ein globales Projekt, welches mit viel Reisetätigkeit verbunden ist. Wie erleben Sie Ihre Hörgeräte, wenn Sie in so vielen unterschiedlichen Regionen unterwegs sind?
Ich versuche nur, sie nicht zu verlieren, wenn ich sie ausziehe, um während Nachtflügen zu schlafen. Ansonsten bemerke ich sie gar nicht mehr auf, da ich sie so sehr gewohnt bin. Und um meinen Überzeugungen treu zu bleiben, habe ich mich für ein wiederaufladbares Modell entschieden, das mir den häufigen Batteriewechsel erspart.

Als Visionär, der aktuell so viele verschiedene innovative Lösungen aus den verschiedensten Lebensbereichen evaluiert, haben Sie sicher auch eine Vorstellung darüber, was an Hörgeräten noch verbessert oder in Zukunft verändert werden könnte. Wie müsste für Sie persönlich in Zukunft ein Hörgerät konzipiert sein? 
Ich wünsche mir Hörgeräte, die noch mehr Richtwirkung haben, damit ich einer Diskussion bei viel Umgebungslärm noch leichter folgen kann. Sie könnten auch flacher hinter den Ohren sein, so dass sie unter einem Helm getragen werden können – auch zum Skifahren, nicht unbedingt nur in einem Solarflugzeug.

Was würden Sie zum Schluss den zahlreichen Menschen raten, welche zwar wissen, dass sie einen Hörverlust haben und diesen korrigieren sollten, aber den Schritt zum Hörgeräteakustiker einfach nicht machen wollen? 
Ich erkläre ihnen, dass wir nach den neuesten neurologischen Erkenntnissen nicht zu lange damit warten sollten, Hörgeräte zu tragen, wenn ein Hörverlust da ist. Sonst laufen wir Gefahr, dass wir später einen noch schwerer zu kompensierenden Hörverlust bekommen, selbst wenn wir mit Hörgeräten ausgerüstet sind.

Herr Piccard, wir bedanken uns herzlich für das Interview und wünschen Ihnen mit Ihren Projekten weiterhin sehr viel Erfolg.

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